Illustration: Menschen auf einer Brücke zwischen Arbeitsvermittlung und Betrieben in einer niederländischen Stadt.
Symbolbild: KI-generierte Illustration.

Während in Deutschland gerade darüber diskutiert wird, ob Hartz IV als Einladung zu spätrömischer Dekadenz bezeichnet werden kann, schaffen es die Niederlande, ihre Arbeitslosenquote sogar in Zeiten der Wirtschaftskrise bei etwa drei Prozent zu halten. 2008 lag die Arbeitslosenquote in den Niederlanden bei rund drei Prozent – zum gleichen Zeitpunkt lag die Quote in Deutschland bei rund 7,5 Prozent.

Zu den größten Unterschieden zwischen dem niederländischen und dem deutschen Arbeitsmarkt gehören zweifelsfrei eine viel höhere Akzeptanz von Zeitarbeitsfirmen, wie zum Beispiel Randstad, und der flächendeckende, unbürokratische Einsatz von befristeten Arbeitsverträgen. Durch diese Hauptunterschiede ist der Arbeitsmarkt wesentlich flexibler und Arbeitgeber können Arbeitskräfte einstellen, ohne sich dauerhaft an diese zu binden.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist, dass das niederländische „Arbeitsamt“, genannt UWV WERKbedrijf (nl. Ausführungsabteilung Arbeitnehmerversicherung Arbeitsbetrieb; früher auch: Arbeitsbüro), neben der Auszahlung des Arbeitslosengeldes insbesondere die Arbeitssuche begleitet und die entsprechenden Aktivitäten der Arbeitssuchenden überprüft. So muss ein Arbeitssuchender regelmäßig nachweisbare Aktivitäten zur Arbeitssuche vorweisen können, sofern er nicht aufgrund von zum Beispiel Krankheit, Schwangerschaft oder Kindererziehung teilweise oder gänzlich von diesen Verpflichtungen befreit ist. Auch Freiwilligenarbeit kann unter bestimmten Voraussetzungen berücksichtigt werden, ist jedoch nicht unmittelbar mit einer deutschen Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung beziehungsweise einem Ein-Euro-Job gleichzusetzen. Zugleich erweitert sich mit länger anhaltender Arbeitslosigkeit der Kreis der Tätigkeiten, die als passend beziehungsweise zumutbar angesehen werden. Dadurch soll die Motivation gesteigert werden, sich schnell einen möglichst hochwertigen Job zu suchen, der den eigenen Qualifikationen entspricht. Bei Nichterfüllung dieser Regeln kann das Arbeitslosengeld gekürzt oder gestrichen werden; je nach Art und Schwere des Verstoßes können darüber hinaus auch Bußgelder verhängt werden.

Zugleich haben die UWV WERKbedrijven ein wesentlich engmaschigeres Netz von 130 Filialen über die Niederlande verteilt. Vergleicht man diese Zahlen mit denen der Bundesagentur für Arbeit, so fällt auf, dass diese im wesentlich größeren Deutschland nur 168 Filialen und somit ein über sechsmal so großes Einzugsgebiet pro Filiale hat. Selbst wenn man die höhere Bevölkerungsdichte der Niederlande herausrechnet und die Zahl der Erwerbspersonen zugrunde legt, ist eine Filiale in Deutschland immer noch für etwa dreimal so viele Erwerbspersonen zuständig. Durch die bessere Erreichbarkeit der Filialen, den wesentlich schlankeren Leistungskatalog und die zusätzliche Flankierung dieser Angebote durch Leistungen aus der freien Wirtschaft kann der Arbeitssuchende wesentlich besser betreut und auf seine individuellen Bedürfnisse und Probleme besser eingegangen werden.

Zwar können auch dem UWV WERKbedrijf offene Stellen gemeldet werden, allerdings spielen private Arbeitsvermittler und Zeitarbeitsfirmen bei der Arbeitsvermittlung in den Niederlanden eine wesentlich stärkere Rolle als in Deutschland. Die größte von ihnen ist die Randstad NV (NV = „naamloze vennootschap“, die niederländische AG), die im Jahr 2008 pro Tag im Durchschnitt über 600.000 Menschen beschäftigte. Weltweit ist Randstad der zweitgrößte Human-Resource-Dienstleister nach Adecco aus der Schweiz und hat in Deutschland mit ver.di eigene Tarifverträge geschlossen.

Diese durch Staat und Privatwirtschaft Hand in Hand getroffenen Maßnahmen zeigen offensichtlich Wirkung, denn abgesehen davon, dass die Niederlande bei der Erwerbstätigkeit mit über 73 Prozent im Spitzenfeld in Europa liegen – Deutschland liegt mit 65 Prozent zwischen Slowenien und Tschechien –, sind gerade die Langzeiterwerbslosen, die in Deutschland mehr als die Hälfte der Erwerbslosen ausmachen, in den Niederlanden mit einem guten Drittel in der Minderheit.